22. Januar 2021

Wie gelingt kirchliche Synodalität im 21. Jahrhundert?

Online-Tagung aus Mitteldeutschland lieferte erste Antworten

Dresden/Erfurt/Magdeburg - Wie gelingt Synodalität in der katholischen Kirche? Anhand dieser Frage endet soeben die prominent besetzte, digitale Tagung mit über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland und seinen benachbarten europäischen Ländern, welche die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen in Zusammenarbeit mit dem Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt , der Katholischen Akademie des Bistums Magdeburg und dem Katholischen Forum im Land Thüringen heute im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der Wiedererrichtung des Bistums Dresden-Meißen 1921 veranstaltete.

weiterführende Unterlagen & Informationen:

 Podcast-Episoden zur Tagung:

 

Presseresonanz:

 

Bereitschaft zum Lernen - Bericht zur Tagung

Bischof Heinrich Timmerevers räumte bei seiner Begrüßung der Tagungsteilnehmer offen ein, dass die katholische Kirche auf dem Feld der Synodalität „Nachhol- und Lernbedarf“ habe und es gelte, „der Synodalität in der Kirche mehr auf die Spur zu kommen“. In der augenblicklichen Situation der katholischen Kirche - sowohl mit Blick auf die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, als auch beim Synodalen Weg – seien zwei Dinge elementar: die „Bereitschaft zum Lernen“ und der „ernsthaften Willen zum Hören“. Er begrüße es, wenn „Bischöfe, Getaufte und wir als Kirche angefragt und hinterfragt werden“. Denn „es korrigiert unseren Weg und macht uns sensibel dafür, wohin der Heilige Geist uns wirklich führen will“, so Bischof Timmerevers. Synodalität im Raum der Kirche zeichne aus, dass „nicht allein das bessere oder das stärkere Argument“ zähle, sondern dass „wir dem Geist Gottes großen Raum in unserem Miteinander und in unserem Ringen geben“. Es komme darauf an, „im Miteinander aufeinander zu hören [und] dass das Gehörte wichtiger wird als mein eigenes Denken“. Dann habe „Gottes Heiliger Geist eine Chance in uns und unter uns, etwas neu werden zu lassen“.

Es braucht kluge Hirten und eine kluge Herde

In seiner Keynote blickte Prof. Dr. Norbert Lammert ausgehend von seiner langjährigen Erfahrung als Präsident des Deutschen Bundestags (2005-2017) auf das Thema Partizipation und Synodalität. In einer Demokratie erwarteten die Menschen zurecht, „sich an der Bewältigung ihrer eigenen Angelegenheiten beteiligen zu können“. Auf Zeit gewährte Vollmachten seien dabei strikt von der Versuchung „voller Macht“ zu unterscheiden. Gerade der konstruktive Streit erhöhe die Urteilsfähigkeit und steigere so die Freiheit der an Entscheidungen Beteiligten und von diesen Betroffenen. Demokratische Entscheidungsfindungen seien häufig zeitintensiv und komplex – die Beteiligung vieler senke aber – im Gegensatz zu autoritären Entscheidungen – das Fehlerrisiko. Indem die Demokratie nicht auf vermeintlich ideale, sondern mehrheitsfähige Lösungen abziele, ermögliche sie es, dass Entscheidungen am Ende auch von der unterlegenen Seite mitgetragen werden könnten. Auch wenn nicht alle Einsichten aus der demokratischen Praxis eins zu eins auf das Miteinander in der katholischen Kirche übertragbar seien, forderte Lammert diese auf, den synodalen Weg entschieden weiter zu verfolgen und – anders als teils nach der Meißner und Würzburger Synode geschehen – auch dessen Ergebnisse umfassend zu rezipieren. „Die Kirche der Zukunft braucht kluge Hirten und eine aufgeklärte Herde, die sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst ist und davon Gebrauch macht“, so der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung. Lammert äußerte dabei den Wunsch, dass das Ringen um Positionen in der Kirche durch eine bessere Form des persönlichen Umgangs miteinander als im säkularen Raum geprägt sein sollte.

Synodalität ist kein Garant für Konfliktfreiheit

Anregungen für den katholischen Diskurs über das Thema Synodalität aus der Ökumene gaben der altkatholische Theologe Prof. Dr. Andreas Krebs, der griechisch-orthodoxe Theologe Georgios Vlantis und die nun an der Universität Leipzig tätige  Landesbischöfin a. D. Ilse Junkermann: Prof. Dr. Andreas Krebs skizzierte die bischöflich-synodale Kirchenverfassung der altkatholischen Kirche als ein Zueinander von Bischof und Synode und wies darauf hin, dass sich in der Geschichte der altkatholischen Kirche Synodalität als „Reformmotor“ erwiesen habe. Er betonte: „Synodalität ist kein Garant für Konfliktfreiheit – im Gegenteil: Konflikte dürfen – und müssen – ausgetragen werden. Wer Synodalität will, braucht auch Konfliktfähigkeit.“

Der griechisch-orthodoxe Theologe Georgios Vlantis, Geschäftsführer der ACK in Bayern, erläuterte das orthodoxe Verständnis von Synodalität, das auf der gemeinsam gefeierten Eucharistie als Basis der Synodalität gründe. Er betonte dabei besonders, dass synodale Bemühungen stets durch das Wirken des Heiligen Geistes als Beistand (gr. Paraklet) unterstützt werden und mahnte an, vor dem Neuen, das der Geist der Kirche schenken könne, keine Angst zu haben. Recht verstandene Synodalität verbleibe nicht bei institutionellen Fragen, sondern ziele darauf ab, Spaltungen und Nationalismen zu überwinden, Einheit zu stiften, und am Reich Gottes mitzubauen.

Landesbischöfin a.D. Ilse Junkermann, die von 2009 bis 2019 der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland vorstand, beleuchtete das biblisch grundierte Verständnis von Synodalität sowie deren Geschichte im Protestantismus und gab Einblick in die synodalen Strukturen und ihre Erfahrungen im synodalen Miteinander in unterschiedlichen deutschen Landeskirchen. Der katholischen Kirche empfahl sie für den anstehenden synodalen Weg, diesen ergebnisoffen zu bestreiten und dabei auch den „Schatz der Meißner Synode heben“.

Hürden der Synodalität

Der Münchner Kirchenhistoriker Prof. Dr. Franz Xaver Bischof blickte in seinem Vortrag auf das Verständnis von Synodalität als ekklesiologisches Modell bei Papst Franziskus und ging aus kirchengeschichtlicher Perspektive auf das Thema Synodalität und hierbei insbesondere auf die Modi der Bischofswahl ein. Zudem benannte er ausgehend von der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Lumen Gentium die Frage der Bischofsbestellungen als konkreten Prüfstein für konkrete Synodalität. Dabei stellte er das Bischofswahlrecht in der Schweizer Diözese St. Gallen als „praktizierte Synodalität“ auf der Ebene der Ortskirchen und mögliche Orientierung für strukturelle Reformen in Deutschland vor.

Die Regensburger Kanonistin Prof. Dr. Sabine Demel wies in ihrem Referat auf eine Diskrepanz zwischen der Rede von der Synodalität in der Kirche und der Realität mancherorts hin und blickte von kirchenrechtlicher Warte auf Hürden, die Synodalität bislang noch entgegenstehen. Dabei verglich sie insbesondere das staatliche und kirchliche Verständnis von Gewaltenteilung und Machtkontrolle und plädierte für eine transparentere Abgrenzung von Verantwortlichkeiten und eine höhere Einheitlichkeit und Sicherheit bei der Rechtsanwendung.

Am Ende der Vorträge und Debatten stehen damit sowohl das Plädoyer, dass die Diskussion um Macht und Synodalität in der katholischen Kirche insbesondere mit Blick auf die Erfahrungen anderswo in der Ökumene engagiert fortgeführt werden muss, als auch bleibende Fragen, wie diese Debatte in strukturelle Veränderungen münden kann.