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Agricolaforum Chemnitz
28. Mai 2026 | Donnerstag | 19:00 Uhr | Agricolaforum Chemnitz
Prof. Dr. Godehard Brüntrup, München
Gott als Poet der Welt
Plädoyer für das geistige Herz der Materie
Hätte Gott die Gleise vor Ausschwitz durch eine Flut hinwegreißen können? Warum tat er das nicht? Wenn Gott wirkursächlich in die Welt eingreifen kann, dann ist ihm diese Unterlassung moralisch anzurechnen. Vielleicht greift Gott nie direkt ein. Er bringt die Welt hervor und hält sie im Sein, aber er wirkt nie durch eine innerweltliche Ursache. Eine Theologie, die so denkt, macht Gott im Leben der Menschen fast ebenso überflüssig wie es die materialistische Naturwissenschaft macht. Vielleicht sind Gottes Wege einfach unergründlich und wir wissen nicht, warum er nicht eingreift, obwohl er es könnte. Aber diese Antwort ist so unbefriedigend, dass man das Buch am liebsten zuschlagen würde. Es bleibt am Ende nur die Antwort, dass Gott zwar in der Welt handelt, aber nicht so, dass er alles Böse verhindern kann. Gott kann es nicht. Wenn Gottes Einfluss geistiger Natur ist, er somit an das geistige „Herz der Materie“ (Teilhard de Chardin) appelliert, indem er geistige Ziele anbietet, dann ist er in der Welt tätig, aber anders als eine physische Ursache. Er handelt in der Welt, aber nicht in der Weise des wirkursächlichen Zwanges, sondern im Modus des Angebotes von Möglichkeiten, die einen Wert realisieren. Er verlockt zur Selbstüberbietung, die sich in der Heldentat des Widerstands gegen die Schrecken von Ausschwitz ebenso zeigen kann wie in einer spontanen Selbstheilung eines kranken Organismus oder in der Schönheit des Vogelgesangs. Gott wirkt also nicht dadurch, dass er etwas in der Welt formt wie ein Künstler sein Material formt. Der Philosoph Alfred N. Whitehead vergleicht Gottes Wirken mit der Kraft einer visionären Idee: „Gott … ist der Poet der Welt, mit zartfühliger Geduld leitet er sie durch seine Vision von Wahrheit, Schönheit und Güte“ (PR 346).
Der Referent
Godehard Brüntrup SJ ist Philosoph, Jesuit und Professor für Philosophie an der Hochschule für Philosophie München mit den Schwerpunkten Metaphysik, Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie.
Veranstaltungsort
TU Chemnitz
Eduard-Theodor-Böttcher-Bau (Altes Heizhaus)
Straße der Nationen 62
09111 Chemnitz